Sprache

Buße und Bekehrung beschreiben einen Prozess der Umkehr und Erneuerung im Glauben zur Erlangung wahrer Gotteskindschaft. Die Gläubigen durchlebten dabei eine breite Palette von Gefühlen – von tiefer Verzweiflung bis zur reinen, vollkommenen Freude. Bekehrungserzählungen, Predigten, Gebete und Lieder begleiteten die Gläubigen mit einer »einfältigen« Sprache auf ihrem Weg zur ewigen Seligkeit. In mehrteiligen Bildprogrammen auf Titelkupfern, wie in Johann Heinrich Reitz` Historie der Wiedergebohrnen (1716) und in Johann Porsts Theologia Viatorum Practica (1722), wurden die Stationen des Heilswegs anschaulich in Szene gesetzt und sprachen Sinne und Verstand gleichermaßen an.

Reitz, Johann Heinrich: Historie Der Wiedergebohrnen, Oder Exempel gottseliger, so bekannt- und benannt- als unbekannt- und unbenannter Christen, [...] Zusammen gestellt Von Johann Henrich Reitz. [Theil 1]. Dritte Edition, So von vielen Fehlern gereinigt. Itzstein: Haug, 1716. BFSt: 110 H 18

In der sechsteiligen Bildergeschichte in Johann Heinrich Reitz (1665–1729) Sammelbiographie Historie der Wiedergebohrnen wird der Weg des Christen von seiner Verstrickung in der Welt bis zu seiner Bekehrung und Wiedergeburt idealtypisch dargestellt. In der Bildallegorie trifft die personifizierte Seele auf die göttliche Liebe in kindlicher Gestalt mit Flügeln und Heiligenschein. Der Titel des Buches, der Kupferstich und die Beispielerzählungen vieler bekannter und unbekannter Männer, Frauen und Kinder jeden Standes sind aufeinander bezogen wie ein klassisches dreiteiliges Emblem mit Motto, Pictura (Bild) und Erläuterung. Der Titel übernimmt die Funktion des Mottos: »Wie Dieselbe [die Seele] erst von Gott gezogen [Bild I] und bekehret und nach vielen Kämpffen [Bild II] und Aengsten [Bild 3] durch Gottes Geist und Wort [Bild IV] zum Glauben [Bild V] und Ruh ihres Gewissens gebracht seynd« [Bild VI]. Die Erzählungen in dem gesamten Buch können als Deutung von Motto und Bildprogramm interpretiert werden. Der Kupferstecher Johann Friedrich Eggelhoff (1680–1731) entlehnte die Bildmotive I, II, IV und VI der frühbarocken, flämischen Emblematik in den Pia desideria des Jesuiten Hermann Hugo (1588–1629).

1. Bildmotiv I.

Das Bildmotiv I in Reitz` Historie der Wiedergebohrnen ist den Pia Desideria von Hermann Hugo entnommen. Die Verstrickung in der Welt wird symbolisiert durch den Narren mit seinen typischen Attributen wie Fahne, Schellenkappe und Holzpferdchen.

2. Bildmotiv IV.

»Die Seele vor dem Vorhang«. Kupferstich. In: Luyken, Jan: Voncken Der Liefde Jesu, [...] Den Tweeden Druk. Amsterdam: Arentsz, 1692. Das Bildmotiv IV aus Reitz Sammelbiographie wird hier in einer Adaptation des Kupferstechers Jan Luyken (1649–1712) wiedergegeben, dem Reitz eine ausführliche Biographie in seinem Werk widmet. Es erfährt eine neue Sinngebung. In der Bildsprache Hermann Hugos klagt die Seele vor dem Vorhang darüber, dass der Geliebte hinter dem Vorhang – bei Luyken eine steinerne Wand – verborgen ist. In dem Bild in der Historie der Wiedergebohrnen steht die Seele mit geöffneten Händen vor dem Vorhang, hinter dem sich der göttliche Amor verbirgt. Sie erkennt, dass das Heil nicht durch eigene Verdienste, symbolisiert durch die leeren Hände, sondern nur im Vertrauen àuf die hinter dem Vorhang verborgene Gnade Gottes zu erlangen ist.

3. Bildmotiv V.

»Die Nachfolge Christi«. Bild V aus Reitz` Bildprogramm ist dem ebenfalls von Reitz` verfassten Lehrtraktat Die Nachfolge Jesu Christi von 1707 entnommen und stammt von dem Kupferstecher Gabriel Uhlich (1682–1741). Die Seele steigt nackt von der Schädelstätte auf einer Leiter zum Kreuz empor und lässt alle Attribute der Welt, umschlossen vom Teufelsring der Schlange, auf der Erde zurück. Eindringlich und drastisch wird so ihre Nachfolge auf dem Leidensweg Christi sowie die im Pietismus häufig genutzte Metapher vom ,Ausziehen des alten Adams‘ als Voraussetzung der Teilhabe an der Gnade Gottes versinnbildlicht. Die auf der Erde liegenden Totenköpfe, aus denen Blüten, Ähren und Reben hervorwachsen, stehen für das neue Leben, das Tod und Teufel überwindet.

4. Bildmotiv VI.

»Die Sehnsucht der Seele«. Diese Sehnsucht der Seele nach den Wohnungen des Herrn im himmlischen Jerusalem steht im Zentrum des Kupferstichs und der Gebetsmeditation von Johanna Eleonora Petersen (1644–1724), die sich in ihrem Hertzens-Gespräch mit Gott auf das Herz als Sitz der gefühlten Erkenntnis Gottes und auf die eigene religiöse Erfahrung berief. Die Sehnsucht der Seele füllt das Innere vollkommen aus und wird als innere Gewissheit wahrgenommen und empfunden, auf dem unumkehrbaren Weg zum neuen Jerusalem und damit zu Gott zu sein. Petersen orientierte sich an den Pia desideria Hermann Hugos. Das hier gezeigte Bildmotiv wurde in die protestantische Erbauungsliteratur aufgenommen, variiert und umgedeutet. An die Stelle der katholischen Darstellung mit Gott auf dem Himmelsthron treten bei Petersen das himmlische Jerusalem oder schlicht der Name Jehova in Reitz` Historie der Wiedergebohrnen.

August Hermann Franckes (1663–1727) autobiographische Erzählung über sein Bekehrungserlebnis gilt als »literaturgeschichtlich bedeutsames Dokument der Darstellung der Innerlichkeit«, das in einem Auszug erst posthum veröffentlicht wurde. Francke, ein junger Theologe von 24 Jahren, wurde von dem Superintendenten von Lüneburg eingeladen, im Dezember 1687 eine Predigt in der dortigen Johannis-Kirche zu halten. Bei der Vorbereitung der Predigt kamen ihm schwere Glaubenszweifel. Die Erkenntnis der eigenen Sündhaftigkeit und Glaubensferne löste bei ihm heftige Gefühle aus, die von »traurige[n] Gedancken« bis zu großer Angst reichten und von körperlichen Expressionen wie Weinen, Knien, Hin- und Hergehen begleitet wurden und zum emotionalen Zusammenbruch führten.

Dennoch rief er unverdrossen Gott im Gebet an, der ihn auf dem Scheitelpunkt der Krise plötzlich erhörte: »Da erhörete mich der Herr, der lebendige Gott, von seinem h. Thron, da ich noch auff meinen Knien lag. […] alle Traurigkeit und unruhe des hertzens ward auff einmahl weggenommen, hingegen ward ich als mit einem Strom der Freuden plötzlich überschüttet, daß ich aus vollem Muth Gott lobete und preisete, der mir solche große Gnade erzeiget hatte.«

Das Titelkupfer zu Johann Porsts (1668–1728) Theologia Viatorum Practica Oder Die Göttliche Führung Der Seelen Auf dem Wege zur seligen Ewigkeit veranschaulicht in fünf nummerierten kreisrunden Bildern den Weg des Christen von seiner Verstrickung in der Welt bis zu seiner Wiedergeburt. Das Bildprogramm beruht nicht – wie bei Reitz` Historie der Wiedergebohrnen – auf der emblematischen, sondern der biblischen Tradition. Auch hier illustrieren die Kupferstiche den Inhalt des 1.700 Seiten starken Werks, die in der Titelei kurz und prägnant zusammengefasst werden: »Darinnen gezeigt, Wie der Mensch in der Sicherheit hingehet [Bild 1]/ daraus aufgewecket [Bild 2]/ vielfältig versuchet [Bild 3], in die Busse geleitet [Bild 4], und im Glauben zum Genuß aller Gnaden- und Heyls-Güter gebracht wird [Bild 5].« Johann Porst, Probst an der Nicolaikirche in Berlin, schuf diesen praxisnahen Leitfaden für den Verlag des Halleschen Waisenhauses vor allem für Prediger und christlicher Lehrer, aber auch für interessierte Seelen, die das Werk kapitelweise »mit einfältigem Hertzen durchlesen« und sich dabei »führen« lassen sollten. Dabei leistete das Titelkupfer eine erste, unmittelbar Verstand und Sinne ansprechende »Führung der Seelen«.

Während die Theologia Viatorum Practica die Gläubigen auf dem Weg zur Wiedergeburt führen und begleiten will, richtet sich Johann Porst in der Theologia Practica Regenitorum an die bereits Erweckten, die Wiedergeborenen, die auf dem Weg durch ihre Lebensalter gehalten waren, die von Gott geschickten Versuchungen und Anfechtungen anzunehmen, stetig in der täglichen Glaubenspraxis zu wachsen und in der seligen Ewigkeit vollendet zu werden. Der Kupferstich zeigt Jesus als guten Hirten, der für seine Herde aus Lämmern, jungen und alten Schafen sorgt, diese beschützt und ihr die Richtung weist, darüber im Himmel Gott Vater mit dem Lamm Gottes und den Seeligen an dem »lebendigen Wasserbrunnen«, einer immerwährenden sprudelnden Quelle als Sinnbild der Ewigkeit. Das Bild des guten Hirten dürfte für viele Gläubige tröstend und stärkend ge-wirkt haben, den beschwerlichen Weg der Anfechtungen im Glauben zu gehen und wie die Schafe in der Herde auf Gott und seine Heilsbotschaft zu vertrauen.

Knien und Beten

Der Kupferstich zeigt im Vordergrund einen knienden »Communicanten«, der allein auf steinigen Treppenstufen vor imposanten Säulen betet, die den Blick auf einen Kirchenraum freigeben, in dem mehrere Menschen auf der rechten Seite die Kirche betreten, auf der linken das Abendmahl einnehmen. Der Kniende soll – so der Inhalt des Gebetbüchleins – nur nach »bußfertiger Vorbereitung« an dem Abendmahl teilnehmen. Deshalb kniet er nieder, betet in der Stille und Abgeschiedenheit und nicht in der Gemeinschaft. Philipp Jakob Spener (1635–1705), der die Vorrede zu dem Gebetbüchlein verfasste, ging es um eine Reform des Kirchen- und Beichtwesens, das aus seiner Sicht in einem beklagenswerten Zustand war. Mit seinem Gebetbüchlein wollte er dazu beitragen, dass nur die Gläubigen, die in Reue und Buße Gott angerufen und seine Gnade empfangen haben, würdig und mit »gottseligen hertzen« das Abendmahl empfangen.

Die Gläubigen fanden in der christlichen Ikonographie und auch in der protestantischen Erbauungsliteratur viele, auf die Bibel zurückgehende Vorbilder von knienden Betenden. Bilder von Betenden aus der Bibel sind eindrucksvoll in Johann Sauberts (1592–1646) Icones Precantium (1638) versammelt. Aufgeschlagen ist ein Kupferstich, der König David zeigt. Er hat die Krone als Insignie der Macht abgelegt und betet kniend in gebeugter Körperhaltung Gott an. Knien und Beten gehören damit zum selbstverständlichen Repertoire emotionaler frommer Praktiken, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Ekstase und Visionen

In dieser Schrift werden die Äußerungen spezifischer und besonders intensiver religiöser Gefühlserfahrungen geschildert. Beeinflusst durch die apokalyptische Stimmung gegen Ende des 17. Jahrhunderts kam es zu einer Zunahme ekstatischer Erscheinungen und visionärer Erfahrungen im Umfeld der enthusiastischen Richtung des Pietismus. Am häufigsten stammten entsprechende Offenbarungsberichte aus dem mitteldeutschen Raum von theologisch ungebildeten Frauen aus sozial niedrigem Stand, die von Zeitgenossen daher auch als »begeisterte Mägde« bezeichnet wurden. Um eine solche handelte es sich bei der aus dem Armenviertel auf dem Münzenberg in Quedlinburg stammenden Magdalena Elrichs (1667–?), die ab Dezember 1691 häufige, von unterschiedlichen Visionen begleitete, ekstatische Zustände erfuhr. Der Verfasser des Werkes, in dem neben dem Fall der Magdalena Elrichs auch andere, vergleichbare Fälle abgehandelt werden, ist wahrscheinlich der Philosoph und evangelische Theologe Gerhard Meier (1664–1723), der mit mehreren Schriften gegen die Quedlinburger Pietisten hervorgetreten ist. Das Frontispiz korrespondiert mit der barocken Titelei, aus der bereits zu erfahren ist, dass Magdalena 1699 bei ihrer Mutter auf dem Münzenberg ein uneheliches Kind geboren hatte und dabei durch eine umgeworfene Laterne ein Feuer ausgebrochen war, das sich zu einem Großbrand entwickelte. Die Abbildung unterstützt die beabsichtigte Schmähung und Verurteilung sowohl der Protagonistin als auch der von Enthusiasmus mit zum Teil radikalen EkstatikerInnen geprägten Richtung des Pietismus.

Textauszug
[…] Den 16. Decembr. Nachmittag als ich da ankam / fand ich die Person im Bette sitzend / und als ich sie grüssete / und ihr die Hand gab fragete ich ob sie kranck wäre? und was sie machte; Darauf sie mir antwortete: Daß ihr nichts mangelte / und über nichts zu klagen hätte / weil Sie ja GOtt bey sich hätte. Darauf ich sagte: Daß derjenige glückselig genug wäre / der in seinem Hertzen versichert sey / daß GOTT neben und üm ihn sey. Hierauf wurde sie gantz stille / und als ich ferner mit ihr redete / antwortete sie kein Wort / sondern saß mit offenen Augen gantz starre. Die Hände / als sie von mir in die Höhe gehoben wurden / fielen wieder nieder. Der Pulsus war gantz natürlich / doch etwas langsam / die respiratio libera. Ich fühlete ihr an die Augen mit den Fingern / welches geschahe ohne einzige ihre Empfindniß / und Bewegung der Augenlieder. Ferner stach ich sie mit der Nadel tieff ins Fleisch / davon ich nicht die geringste Entzückung von ihr anmerckete. Die partes extremae waren gantz natürlich warm / nach Verfliessung einer Viertel=Stunde kam sie wieder zu sich selbst / seuffzete mehrmal sehr tieff / und vergoß etliche Thränen.

Als ich sie fragete: Was ihr gewesen? und ob sie wohl gehöret / was ich mit ihr geredt? Und gefühlet / das ich ihr in die Hand gestochen? auch ob sie keine Angst am Hertzen oder Schwindel im Haupte verspürete / antwortete sie: Daß ihr über diese Worte / die ich gesprochen / gleichsam ein tieffer Schlaff ankommen wäre / welchen sie sich nicht enthalten können. Sie hätte aber darinnen grosse Freude gehabt / welche sie nicht beschreiben könnte noch dürffte / hätte aber nichts gehöret noch gefühlet / und wäre sie gantz gesund / und klagete über nichts. Nach einer kurtzen zeit / als ich wieder mit ihr aus dem Worte GOTTES / absonderlich von der Liebe JESU kräftiglich sprach / bekam sie eben diesen Affectum, bey Endigung dessen aber eine elevatio pectoris sich etliche mahl herfür that. Als der Paroxismus geendigt war / fragte ich sie: Ob sie keine Angst am Hertzen / und ihr die Brust weh thäte? weil sie ja sehr dieselbe erhoben. Darauff sie antwortete: Daß sie voll solcher Freude gewesen / daß sie gemeynet / das Hertz sollte ihr zerspringen. Diesen Paroxismum hat sie binnen 24. Stunden / me observante, wohl 12. Mahl gehabt / so wohl stehend / sitzend als liegend / und zwar allezeit / wann mit ihr kräfftiglich über GOttes Wort geredet wurde […].

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