In der sechsteiligen Bildergeschichte in Johann Heinrich Reitz (1665–1729) Sammelbiographie Historie der Wiedergebohrnen wird der Weg des Christen von seiner Verstrickung in der Welt bis zu seiner Bekehrung und Wiedergeburt idealtypisch dargestellt. In der Bildallegorie trifft die personifizierte Seele auf die göttliche Liebe in kindlicher Gestalt mit Flügeln und Heiligenschein. Der Titel des Buches, der Kupferstich und die Beispielerzählungen vieler bekannter und unbekannter Männer, Frauen und Kinder jeden Standes sind aufeinander bezogen wie ein klassisches dreiteiliges Emblem mit Motto, Pictura (Bild) und Erläuterung. Der Titel übernimmt die Funktion des Mottos: »Wie Dieselbe [die Seele] erst von Gott gezogen [Bild I] und bekehret und nach vielen Kämpffen [Bild II] und Aengsten [Bild 3] durch Gottes Geist und Wort [Bild IV] zum Glauben [Bild V] und Ruh ihres Gewissens gebracht seynd« [Bild VI]. Die Erzählungen in dem gesamten Buch können als Deutung von Motto und Bildprogramm interpretiert werden. Der Kupferstecher Johann Friedrich Eggelhoff (1680–1731) entlehnte die Bildmotive I, II, IV und VI der frühbarocken, flämischen Emblematik in den Pia desideria des Jesuiten Hermann Hugo (1588–1629).
1. Bildmotiv I.
Das Bildmotiv I in Reitz` Historie der Wiedergebohrnen ist den Pia Desideria von Hermann Hugo entnommen. Die Verstrickung in der Welt wird symbolisiert durch den Narren mit seinen typischen Attributen wie Fahne, Schellenkappe und Holzpferdchen.
2. Bildmotiv IV.
»Die Seele vor dem Vorhang«. Kupferstich. In: Luyken, Jan: Voncken Der Liefde Jesu, [...] Den Tweeden Druk. Amsterdam: Arentsz, 1692. Das Bildmotiv IV aus Reitz Sammelbiographie wird hier in einer Adaptation des Kupferstechers Jan Luyken (1649–1712) wiedergegeben, dem Reitz eine ausführliche Biographie in seinem Werk widmet. Es erfährt eine neue Sinngebung. In der Bildsprache Hermann Hugos klagt die Seele vor dem Vorhang darüber, dass der Geliebte hinter dem Vorhang – bei Luyken eine steinerne Wand – verborgen ist. In dem Bild in der Historie der Wiedergebohrnen steht die Seele mit geöffneten Händen vor dem Vorhang, hinter dem sich der göttliche Amor verbirgt. Sie erkennt, dass das Heil nicht durch eigene Verdienste, symbolisiert durch die leeren Hände, sondern nur im Vertrauen àuf die hinter dem Vorhang verborgene Gnade Gottes zu erlangen ist.
3. Bildmotiv V.
»Die Nachfolge Christi«. Bild V aus Reitz` Bildprogramm ist dem ebenfalls von Reitz` verfassten Lehrtraktat Die Nachfolge Jesu Christi von 1707 entnommen und stammt von dem Kupferstecher Gabriel Uhlich (1682–1741). Die Seele steigt nackt von der Schädelstätte auf einer Leiter zum Kreuz empor und lässt alle Attribute der Welt, umschlossen vom Teufelsring der Schlange, auf der Erde zurück. Eindringlich und drastisch wird so ihre Nachfolge auf dem Leidensweg Christi sowie die im Pietismus häufig genutzte Metapher vom ,Ausziehen des alten Adams‘ als Voraussetzung der Teilhabe an der Gnade Gottes versinnbildlicht. Die auf der Erde liegenden Totenköpfe, aus denen Blüten, Ähren und Reben hervorwachsen, stehen für das neue Leben, das Tod und Teufel überwindet.
4. Bildmotiv VI.
»Die Sehnsucht der Seele«. Diese Sehnsucht der Seele nach den Wohnungen des Herrn im himmlischen Jerusalem steht im Zentrum des Kupferstichs und der Gebetsmeditation von Johanna Eleonora Petersen (1644–1724), die sich in ihrem Hertzens-Gespräch mit Gott auf das Herz als Sitz der gefühlten Erkenntnis Gottes und auf die eigene religiöse Erfahrung berief. Die Sehnsucht der Seele füllt das Innere vollkommen aus und wird als innere Gewissheit wahrgenommen und empfunden, auf dem unumkehrbaren Weg zum neuen Jerusalem und damit zu Gott zu sein. Petersen orientierte sich an den Pia desideria Hermann Hugos. Das hier gezeigte Bildmotiv wurde in die protestantische Erbauungsliteratur aufgenommen, variiert und umgedeutet. An die Stelle der katholischen Darstellung mit Gott auf dem Himmelsthron treten bei Petersen das himmlische Jerusalem oder schlicht der Name Jehova in Reitz` Historie der Wiedergebohrnen.


















