Sprache

Das Leben in Gottesfurcht und täglicher Glaubenspraxis führten zu einer Disziplinierung der Gefühle. Heftige Affekte sollten vermieden werden, wohingegen Demut, Geduld, Selbstbeherrschung und Seelenruhe einen wahren Gläubigen auszeichneten. Das Lesen von frommen Exempelgeschichten, selbst für Kinder, Anleitungen in der rechten Lebensführung und tägliches Tagebuchschreiben dienten der Vermeidung unerwünschter Affekte.

Das Frontispiz zeigt auf der linken Seite unerwünschte, auf der rechten Seite erwünschte Verhaltensweisen und emotionale Haltungen, die im pietistischen Kreisen vertreten wurden. Der Kupferstich ist einem Werk vorangestellt, das über eine Welle pietistischer Erweckungen unter schwedischen Offizieren und Soldaten berichtet, die in der sibirischen Stadt Tobolsk in Gefangenschaft waren. Der Autor des unter dem Pseudonym Aletophilus, Wahrheitsfreund, erschienen Werks ist Christoph Eberhard (1675–1750), der sich in seiner Schrift an August Hermann Franckes Segens=volle[n] Fußstapfen orientierte und über den Fortschritt im Aufbau einer Waisen- und Armenschule in Tobolsk nach hallischem Vorbild berichtete.

Gottfried Arnolds Werk über das Leben altkirchlicher Vorbilder sind zwei Kupferstiche vorangestellt. Auf der linken Seite werden die Gläubigen in der Einsamkeit im Gebet zu Gott (oben) und dem Studium des Neuen Testaments (unten) in Szene gesetzt. Unter und neben dem Lesenden sind die Symbole der Welt angeordnet, von denen er sich ab und Gott zuwendet. Das ist das erwünschte Verhalten, dem die Gläubigen folgen sollen. Auf der rechten Seite ist der Weg des Lichts vorgezeichnet, der nur durch ein schmales Tor zu beschreiten ist; davon abgetrennt – im unteren Teil des Bildes – befinden sich die Wege der Finsternis und der Irrungen. Beide Wege sind flankiert von menschlichen Verhaltensweisen, Tugenden und Lastern, die entweder der Dunkelheit oder dem Licht zugeordnet werden. Dazu zählen auch Gefühle, wie z.B. Verzweiflung und Angst vs. Zerknirschung des Herzens und Freude.

Johann Jakob Rambach (1693–1735) trug Exempelgeschichten von frommen Kindern für Kinder zusammen, die das wünschenswerte fromme Ver-halten veranschaulichten und zur Nachahmung anregen sollten. Kinder lernten so, welche Verhaltensweisen im Christentum erwünscht und welche unerwünscht waren. In der Vorrede spricht Rambach die Kinder direkt an: »Ihr findet da Exempel frommer, gehorsamer, ehrerbietiger, danckbarer, barmhertziger, keuscher, demüthiger, geduldiger, ja auch solcher Kinder, die um Christi willen sich haben zu Tode martern lassen.« Gute Kinder sind also gottesfürchtige Kinder, die religiöse emotionale Praktiken erlernen, einüben und internalisieren.

Textauszug 
Exempel Solcher Kinder / die gern und fleißig gebetet haben.

1) Ein kleines Kind, das im fünften Jahre seines Lebens gestorben, pflegte öfters allein zu gehen, auf seine Knie vor GOtt niederzufallen und zu beten. In solchem Gebet weinete es oft sehr, und redete so ernstlich mit dem lieben GOtt, daß es auch den Nachbarn nicht verborgen bleiben konte.

2) Ein frommer Knabe, Carl Brügmann, begehrte früh morgens keinen Fuß aus dem Hause zu setzen, ehe er gebetet. Er gieng auch niemals ohn Gebet zu Bette. Und wenn er ja ein und andermal solches vergessen hatte, kam er geschwind wieder aus seinem Bette, kniete nieder, und bat GOtt um Vergebung dieser Sünde. Wenn seine Brüder essen wolten, ehe sie gebetet hatten, so pflegte er zu sagen: Dürft ihr also handeln? Das GOtt in Gnaden verhüte! Dieser Mund voll Brods könnte, durch GOttes Zulassung zur gerechten Strafen, uns ersticken. […]

Lehre.

Je fleißiger ein Kind betet, desto mehr wird es in allem Guten zunehmen.
Der Befehl des Herrn JEsu: Gehe in dein Kämmerlein, und schleuß die Thür nach dir zu, und bete zu deinem Vater im Verborgenen, gehet dich, liebes Kind, auch an. O wie angenehm wirst du deinem Heylande seyn, wenn du oft ein stilles Oertgen suchest, und dein Hertz vor ihm ausschüttest.

 

Die emotionale Gemeinschaft

Gemeinsames Beten und Singen, das Vorlesen pietistischer Erbauungsliteratur in der Hausgemeinschaft, divinatorische Praktiken, wie Losen, Däumeln oder Nadeln, dienten der Stärkung der pietistischen Bewegung und erzeugten eine emotionale Verbundenheit. Sie begleiteten den Gläubigen ein Leben lang bis zu seiner Sterbestunde. In sogenannten »Letzten Stunden«, einer beliebten Gattung der pietistischen Erbauungsliteratur, wurde das vorbildhafte Sterben der Bekehrten im Beisein ihrer Angehörigen und des Pastors als Trost und Stärkung für die Leser und Leserinnen mit bewegenden Worten dargestellt und verbreitet.

Freylinghausens Geistreiches Gesang-Buch ist untrennbar mit der Glaubensbewegung des Pietismus verbunden, die von einer neuen Frömmigkeit wie auch von einem neuen Gemeinschaftsbewusstsein geprägt war. Die Auseinandersetzung mit Glaube und Rechtfertigung geschah sowohl im Bibelstudium als auch im Singen in der Gruppe. Dass es vor allem um den Gebrauch des Liedes in der Gemeinschaft ging, zeigt auch das vorgestellte Frontispiz emblematisch an. Das gemeinsam gesungene Lied sollte das Gefühl der Gemeinschaft im Glauben stützen und stärken und schließlich im weltumspannenden Singen des Lobes Gottes die irdische Gemeinde der Erweckten auf der ganzen Welt vereinen. So bediente sich der enthusiastische Gruppengesang der frühen Pietisten bereits der beträchtlichen Anzahl neuer Gemeinschaftslieder, die in Freylinghausens Geistreichen Gesang-Buch versammelt waren. Dieses Gesangbuch erfuhr schließlich bis in die siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts hinein zwanzig Ausgaben.

Carl Heinrich von Bogatzkys (1690–1774) Güldenes Schatzkästlein der Kinder Gottes gehört zu den Best- und Longsellern pietistischer Erbauungsliteratur und war in vielen Haushalten vorhanden. Es enthält Bibelsprüche, denen jeweils Verse von Bogatzky beigefügt sind. Die Sprüche wurden in der Hausgemeinschaft gelesen. Divinatorische Praktiken, wie Losen, Däumeln und Nadeln von Bibelsprüchen, trugen ebenso zur emotionalen Gemeinschaftsbildung bei wie die Nutzung des Büchleins als Stammbuch, in das Freunde fromme Sprüche eintrugen.

Liturgische und emotionale Gemeinschaft in der Herrnhuter Brüdergemeine

Die vier Kupferstiche zeigen die Aufnahme in die Herrnhuter Brüdergemeine, den gemeinsamen Genuss des zuvor ausgeteilten, gesegneten Brotes (Participation) und anschließende Anbetung des Herrn (Prostratio) im Rahmen des Abendmahls sowie das Liebesmahl der Kinder (Agape). Sie gehören zu sechzehn von Johann Rudolph Holzhalb (1723–1806) gestochenen Tafeln, die dem sogenannten Zeremonienbüchlein von 1757 zur bildlichen Erläuterung des Textes beigegeben wurden. Der Autor bzw. Redakteur war vermutlich David Cranz (1723–1777), einer der engsten Mitarbeiter Nikolaus Ludwigs von Zinzendorf (1700–1760). Bei dem Zeremonienbüchlein handelt es sich um eine konfessionskundliche Selbstdarstellung der Kirche der Brüderunität in Herrnhut, die über die Geschichte, das theologische Selbstverständnis, die Verfassungsstrukturen und vor allem über das liturgische Leben der Unität informiert. Dass der ausführlichen Erläuterung der Kirchenbräuche eine besondere Bedeutung zukam, zeigt sich in seiner Bezeichnung als Zeremonienbüchlein.

Zinzendorf verstand die Glaubenserfahrung als ein lebendiges Gefühl im Herzen. Seinem Ziel, dass der wahre Glaube in allen Lebensbereichen sichtbar werden musste, diente die Schaffung einer strengen Liturgie, durch die das tägliche Leben und die Rituale in den herrnhutischen Gemeinen strukturiert wurden. Nach Zinzendorfs Überzeugung war Christsein ohne Gemeinschaft nicht möglich. Der Schaffung dieses Gemeinschaftsgefühls, basierend auf emotionalen Normen, dienten die Rituale.

 

Tafel II. Aufnahme in die Brüder-Gemeine.

Die Aufnahme in die Brüdergemeine durch den Friedenskuss und ein Gebet auf den Knien geschah monatlich am „Gemein-Tag“ (gewöhnlich der nächste Montag nach dem Abendmahl).

Tafel X. Participation.

Zum Abendmahl gehörte der gemeinschaftliche Genuss des zuvor ausge-teilten, gesegneten Brotes (Participation). Die feierliche Durchführung des Abendmahls diente der Schaffung des Gefühls tiefer Gemeinschaft und Verbundenheit.

Tafel XI. Prostratio.

Unmittelbar im Anschluss an die Participation erfolgte die gemeinschaft-liche Anbetung des Herrn (Prostratio). Ursprünglich in der Herrnhuter Brü-dergemeine übliche freie Gebetsgemeinschaften wurden von Zinzendorf aufgrund seiner liturgisch geprägten Auffassung vom Gebet abgeschafft. An ihre Stelle traten regelmäßig im Wochenrhythmus intonierte, vorformu-lierte Gebetsgesänge, die als Litaneien bezeichnet wurden. Sie richteten sich jeweils an eines der Mitglieder der göttlichen Familie, also an Vater, Mutter (Heiliger Geist) oder Sohn. Während Mutter und Sohn im Knien angebetet wurden, erfolgte die Anbetung des Vaters in Form der Prostratio (lat. „Niederwerfen“) zum Zeichen der Demut auf dem Angesicht liegend.

Tafel XIV. Agape der Kinder.

Zu den gemeinschaftlichen spirituellen Erfahrungen der Herrnhuter Brüder-gemeine gehörte auch das Herrnhuter Liebesmahl (Agape), eine gesellige Zusammenkunft, die sich schnell zu einem liturgischen Mahl entwickelte. Sie erfuhr ihre Anregung durch Gottfried Arnolds (1666–1714) Schrift Erste Liebe der Gemeine Jesu. Die darin beschriebene altkirchliche Agape-Feier kann als eine Weiterführung der Tischgemeinschaft mit Jesus von Naza-reth angesehen werden und wurde nun auf diese Weise wiederbelebt. Nach Zinzendorfs Vorstellung war Jesus Christus das „Haupt und Ältester“ seiner Gemeinde, um den sich die Gläubigen sammeln.

Der körperliche Ausdruck von Gefühlen

Tränen, Weinen, Seufzen, Knien, Beten, Singen, aber auch Zittern und Schreien gehören zu den körperlich ausgedrückten religiösen Praktiken in der Begegnung mit dem Transzendenten, die auf biblischen Traditionen zurückgehen und die jede Generation neu verhandelt und bewertet. Im Pietismus war das nicht anders. Referenzpunkt war die persönliche Erfahrung in der Zwiesprache mit Gott, die in verschiedenen Abstufungen innerlich empfunden und äußerlich manifest werden konnte. Tränen und Weinen zählen zu den emotionalen Praktiken, die in den Büchern des Pietismus vor allem im Kontext der Buße und Sündenerkenntnis vorkommen. In seltenen Fällen, wie bei den so genannten »begeisterten Mägden«, kam es sogar zu extremen Ausdrucksformen religiöser Ekstase und Verzückung, die sich in Trance, Schmerzunempfindlichkeit und Blutschwitzen manifestieren konnten.

Auf dem Emblem mit dem Motto »Nicht ohne Thränen« ragt eine Hand aus einem Wolkengebilde hervor, die nach einer auf der Erde liegenden Zwiebel greift. Der Kupferstich befindet sich in dem Kapitel in Johann Arndts Büchern vom Wahrem Christenthum in der Frankfurter Ausgabe von 1700, das von der Buße handelt. Auf der Rückseite wird das Motiv erklärt. Nur wer seine Sünden erkennt und schmerzlich empfindet, vergießt Tränen, die das nach außen gekehrte Zeichen wahrhafter Buße sind. Der von Gott angestoßene Prozess der Buße kann wie das Schneiden der Zwiebeln »Nicht ohne Thränen« vonstattengehen und bildet einen körperlich-seelischen Schmerz ab, in dem sich Erkenntnis und Empfindung des reuigen Sünders verdichtet und amalgiert. Mit seinen »Buß-Thränen« steht er in der Nachfolge biblischer reuiger Sünder wie des Apostels Petrus, der nach Lk 22,61 Jesus im Garten Gethsemane dreimal verleugnete: »Der Herr wandte sich/ und sahe Petrum an; und er gieng hinaus/ und weinete bitterlich.«

Von den Thränen eines bußfertigen Sünders
Luc. 22, 62.
Und Petrus ging hinaus, und weinete bitterlich.

§. 1. Mercke weiter, o Seele, wie die wahre Reue eines zerknirschten Hertzens auch wol in Weinen und Thränen auszubrechen pfleget, dessen du an dem weinenden Petro ein Exempel hast.

§. 2. Du hast hiebey zuforderst die Quelle zuerforschen, aus welcher solche Thränen fliessen müssen. Diese Quelle ist mit nichten die heuchlerische Nachäffung andrer Weinenden, da mans andern aufrichtigen Seelen nachthut, nur damit man auch für bußfertig angesehen werde, Matth. 6, 18. oder auch sonst andere betriege. Jer. 41,6.

§. 3. Auch ist es nicht die natürliche Weichmüthigkeit, da man leicht weinet und doch wol kein geistlich = und göttlich= erweichtes Hertz hat.

§. 4. Vielweniger ist es der Eigen=Sinn, Eigen=Willen und Bosheit, wie mancher nicht so wol über die Sünde, als über der Sünden Straffe weinet, oder auch darum weinet, weil er seinen Willen nicht haben kan, oder das Irrdische verlassen und verleugnen soll. Es. 15, 2.5.

§. 5. Gleichfals ist diese Quelle der Thränen nicht das blosse Gesetz. Diß fordert wol von dir Thränen, kan dir aber die rechte Thränen nicht geben, Joel 2, 12. und die es auspreßt, sind noch nicht die rechten, I Mos.27,38. I Kön. 21,27. denn sie kommen aus einem knechtischen Hertzen und sind was erzwungenes, so GOtt nicht gefället. Ps.110, 3.

§. 6. Noch sind das keine rechte Thränen, die aus dem blossen und natürlichen Andencken der überstandenen Leiden und Trübsalen bey dir entstehen möchten, oder wenn du, da dich GOtt mit leiblichen Wolthaten überschüttet, aus blosser Eigen=Liebe zu dir, häuffige Thränen vergiessest; oder wenn dich andere fleischliche Menschen trösten, und du darüber weinest.

§. 7. Die rechte Quelle der Thränen ist auch nicht der Misbrauch des Evangelii, wenn du den Trost desselben nur der Straffe der Sünden, nicht aber der Sünde selbst entgegen setzest, und über solchen fleischlichen Trost auch wol vor Freuden weinest.

§. 8. Die rechte Quelle hingegen, woraus die rechte Buß=Thränen fliessen, ist das zerknirschte, das aus liebe GOttes verwundete und zu GOtt wahrhafftig bekehrte Hertz. In diesem wircket der Heil. Geist selbst die rechte Thränen, wenn Er darin GOttes Gerechtigkeit und Liebe, und Christi Tod und Verdienst verkläret, und das alles gegen dein Hertz und Gewissen hält. Da zerschmelzet und zerfliesset das Hertz gleichsam in Thränen, und du wirst GOTT ein rechtes Thränen=Opffer. Ebr. 5, 7.

§. 9. Es wircket aber der Heil. Geist solche Thränen in dir durch das H. Wort GOttes. Das Gesetz muß das harte Hertz erst gleichsam in grobe Stücke zuschlagen: das Evangelium aber zuschmelzet es als wie ein Wachs, oder durchgiessets, salbets, erweichts und bereitets zu, daß es das Bild GOttes wieder annimmt. Ps.32, 3. Luc. 15, 20.

§. 10. Erblickest du mit Petro deinen JEsum in seinem Leiden, wie er für dich, ich sage, für dich so viel und grosse Leiden ausgestanden: und dich dabey so freundlich ansiehet, so gehest du mit Petro hinaus und weinest bitterlich.Luc. 22, 62. Da beweinest du deine Sünde, und wenn auch keine Straffe derselben wäre, weil du einen so liebreichen GOtt und Heyland, der es ohne alle dein Verdienst und Würdigkeit mit dir, seinem Feinde, so treulich meinet, damit beleidiget hast.

[…]     

§. 13. Fliessen nun bey dir, o Seele, solche Thränen, so siehe zu, daß sie recht beschaffen seyn, daß sie wahrhafftig und hertzlich, Demuths und Glaubens=voll, ja auch Liebes=voll und eifersüchtig seyn. Je freyer und frecher du vorhin deine Sünden getrieben, desto milder laß aus deinen Hertzen und Augen Thränen fliessen. Doch wasche dich nicht so in deinen Thränen, als ob du durch dieselbe dich von deinen Sünden abwaschen wollest und könnest. Das sey ferne. In deines JEsu Thränen, die Er für dich so mildiglich vergossen und in seinem Blute bade dich nur getrost und beständig. Das wird deine Sünde wegnehmen. Ebr. 5,7. Luc. 19,41. Joh. 11,35.

§. 14. O Seele, bete, daß dir GOTT die rechte Thränen gebe. Im Gebet erweichet das Hertz. Je mehr du betest, je besser werden die Thränen fliessen. Schäme dich auch der Buß=Thränen nicht, ob dich die Welt gleich darüber verhöhnet. Gnug, daß deine Thränen GOtt angenehm sind. Ps. 6, 9.

§. 15. Ach mein JEsu! erweiche du mein hartes Hertz, und gib mir rechte Buß=Thränen. Blicke mich, wie dort den Petrum an, daß ich auch wie er, meine Sünden bitterlich beweine. Amen.

Quelle: Die 23. Betrachtung. Von Thränen eines bußfertigen Sünders. In: Porst, Johann: Compendium Theologiæ Viatorum Et Regenitorum Practicæ oder Die Göttliche Führung der Seelen, und Wachsthum der Gläubigen, in einem kurtzen Auszug vorgestellet.[...]. Halle: Waisenhaus, 1723. BFSt: 43 H 3

 

Johann Porsts (1668–1728) didaktisch aufbereiteter Text Von den Thränen eines bußfertigen Sünders steht für die strenge Observanz und Disziplinierung des Weinens im Pietismus. Tränen zählen zu den emotionalen Praktiken, die zwar zur Conditio humana gehören, aber in der frommen Lebenswelt nur geduldet und als wertvoll erachtet werden, wenn sie aus der rechten, d.h. richtigen, inneren, religiösen Haltung und Empfindung fließen und durch verbindliche Normen reguliert werden. Deshalb listet Porst zunächst auf, welche Tränen unerwünscht sind: Tränen der irdischen Rührung auf Grund einer weichlichen Konstitution, aus Heuchelei und Nachahmung, aus Angst vor der Strafe Gottes, aus Erleichterung überstandener Leiden oder aus der äußerlichen Befolgung von Gesetzen. In der Mitte des Textes, ab § 8 werden dagegen die Kriterien benannt, die »rechte« Tränen, »Buß-Thränen«, auszeichnen: Tränen aus der Erkenntnis der eigenen Sündhaftigkeit und aus tief empfundener Reue, aus der Gnade Gottes, aus dem Gesetz Gottes und der Erkenntnis der Liebe Gottes gegenüber dem Sünder.

Tränen sind nach christlicher Vorstellung auf das menschliche Leben auf Erden beschränkt, weil Gott am Ende aller Tage »alle Tränen von ihren Augen« (Off. 7,17) abwischen wird. Im Paradies wird nicht mehr geweint. Deshalb heißt es auf den Spruchbändern des Titelkupfers von Friedrich Eberhard Collins (1684–1727) Exempelbuch für Kinder, Wundervoller Schauplatz der Heiligen Märtyrer (1729): »Hier weinten wir nur einen kurtze Zeit. Dort Jubilieren wir in Ewigkeit.« Nicht gerade kindgerecht – aus unserer heutigen Sicht – kontrastiert es drastisch das Märtyrertum von frommen Kindern auf einem Schlachtfeld auf Erden mit den jubelnden Chören im Himmel.

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