Von den Thränen eines bußfertigen Sünders
Luc. 22, 62.
Und Petrus ging hinaus, und weinete bitterlich.
§. 1. Mercke weiter, o Seele, wie die wahre Reue eines zerknirschten Hertzens auch wol in Weinen und Thränen auszubrechen pfleget, dessen du an dem weinenden Petro ein Exempel hast.
§. 2. Du hast hiebey zuforderst die Quelle zuerforschen, aus welcher solche Thränen fliessen müssen. Diese Quelle ist mit nichten die heuchlerische Nachäffung andrer Weinenden, da mans andern aufrichtigen Seelen nachthut, nur damit man auch für bußfertig angesehen werde, Matth. 6, 18. oder auch sonst andere betriege. Jer. 41,6.
§. 3. Auch ist es nicht die natürliche Weichmüthigkeit, da man leicht weinet und doch wol kein geistlich = und göttlich= erweichtes Hertz hat.
§. 4. Vielweniger ist es der Eigen=Sinn, Eigen=Willen und Bosheit, wie mancher nicht so wol über die Sünde, als über der Sünden Straffe weinet, oder auch darum weinet, weil er seinen Willen nicht haben kan, oder das Irrdische verlassen und verleugnen soll. Es. 15, 2.5.
§. 5. Gleichfals ist diese Quelle der Thränen nicht das blosse Gesetz. Diß fordert wol von dir Thränen, kan dir aber die rechte Thränen nicht geben, Joel 2, 12. und die es auspreßt, sind noch nicht die rechten, I Mos.27,38. I Kön. 21,27. denn sie kommen aus einem knechtischen Hertzen und sind was erzwungenes, so GOtt nicht gefället. Ps.110, 3.
§. 6. Noch sind das keine rechte Thränen, die aus dem blossen und natürlichen Andencken der überstandenen Leiden und Trübsalen bey dir entstehen möchten, oder wenn du, da dich GOtt mit leiblichen Wolthaten überschüttet, aus blosser Eigen=Liebe zu dir, häuffige Thränen vergiessest; oder wenn dich andere fleischliche Menschen trösten, und du darüber weinest.
§. 7. Die rechte Quelle der Thränen ist auch nicht der Misbrauch des Evangelii, wenn du den Trost desselben nur der Straffe der Sünden, nicht aber der Sünde selbst entgegen setzest, und über solchen fleischlichen Trost auch wol vor Freuden weinest.
§. 8. Die rechte Quelle hingegen, woraus die rechte Buß=Thränen fliessen, ist das zerknirschte, das aus liebe GOttes verwundete und zu GOtt wahrhafftig bekehrte Hertz. In diesem wircket der Heil. Geist selbst die rechte Thränen, wenn Er darin GOttes Gerechtigkeit und Liebe, und Christi Tod und Verdienst verkläret, und das alles gegen dein Hertz und Gewissen hält. Da zerschmelzet und zerfliesset das Hertz gleichsam in Thränen, und du wirst GOTT ein rechtes Thränen=Opffer. Ebr. 5, 7.
§. 9. Es wircket aber der Heil. Geist solche Thränen in dir durch das H. Wort GOttes. Das Gesetz muß das harte Hertz erst gleichsam in grobe Stücke zuschlagen: das Evangelium aber zuschmelzet es als wie ein Wachs, oder durchgiessets, salbets, erweichts und bereitets zu, daß es das Bild GOttes wieder annimmt. Ps.32, 3. Luc. 15, 20.
§. 10. Erblickest du mit Petro deinen JEsum in seinem Leiden, wie er für dich, ich sage, für dich so viel und grosse Leiden ausgestanden: und dich dabey so freundlich ansiehet, so gehest du mit Petro hinaus und weinest bitterlich.Luc. 22, 62. Da beweinest du deine Sünde, und wenn auch keine Straffe derselben wäre, weil du einen so liebreichen GOtt und Heyland, der es ohne alle dein Verdienst und Würdigkeit mit dir, seinem Feinde, so treulich meinet, damit beleidiget hast.
[…]
§. 13. Fliessen nun bey dir, o Seele, solche Thränen, so siehe zu, daß sie recht beschaffen seyn, daß sie wahrhafftig und hertzlich, Demuths und Glaubens=voll, ja auch Liebes=voll und eifersüchtig seyn. Je freyer und frecher du vorhin deine Sünden getrieben, desto milder laß aus deinen Hertzen und Augen Thränen fliessen. Doch wasche dich nicht so in deinen Thränen, als ob du durch dieselbe dich von deinen Sünden abwaschen wollest und könnest. Das sey ferne. In deines JEsu Thränen, die Er für dich so mildiglich vergossen und in seinem Blute bade dich nur getrost und beständig. Das wird deine Sünde wegnehmen. Ebr. 5,7. Luc. 19,41. Joh. 11,35.
§. 14. O Seele, bete, daß dir GOTT die rechte Thränen gebe. Im Gebet erweichet das Hertz. Je mehr du betest, je besser werden die Thränen fliessen. Schäme dich auch der Buß=Thränen nicht, ob dich die Welt gleich darüber verhöhnet. Gnug, daß deine Thränen GOtt angenehm sind. Ps. 6, 9.
§. 15. Ach mein JEsu! erweiche du mein hartes Hertz, und gib mir rechte Buß=Thränen. Blicke mich, wie dort den Petrum an, daß ich auch wie er, meine Sünden bitterlich beweine. Amen.
Quelle: Die 23. Betrachtung. Von Thränen eines bußfertigen Sünders. In: Porst, Johann: Compendium Theologiæ Viatorum Et Regenitorum Practicæ oder Die Göttliche Führung der Seelen, und Wachsthum der Gläubigen, in einem kurtzen Auszug vorgestellet.[...]. Halle: Waisenhaus, 1723. BFSt: 43 H 3
Johann Porsts (1668–1728) didaktisch aufbereiteter Text Von den Thränen eines bußfertigen Sünders steht für die strenge Observanz und Disziplinierung des Weinens im Pietismus. Tränen zählen zu den emotionalen Praktiken, die zwar zur Conditio humana gehören, aber in der frommen Lebenswelt nur geduldet und als wertvoll erachtet werden, wenn sie aus der rechten, d.h. richtigen, inneren, religiösen Haltung und Empfindung fließen und durch verbindliche Normen reguliert werden. Deshalb listet Porst zunächst auf, welche Tränen unerwünscht sind: Tränen der irdischen Rührung auf Grund einer weichlichen Konstitution, aus Heuchelei und Nachahmung, aus Angst vor der Strafe Gottes, aus Erleichterung überstandener Leiden oder aus der äußerlichen Befolgung von Gesetzen. In der Mitte des Textes, ab § 8 werden dagegen die Kriterien benannt, die »rechte« Tränen, »Buß-Thränen«, auszeichnen: Tränen aus der Erkenntnis der eigenen Sündhaftigkeit und aus tief empfundener Reue, aus der Gnade Gottes, aus dem Gesetz Gottes und der Erkenntnis der Liebe Gottes gegenüber dem Sünder.