Das fromme Herz

Die persönliche Herzensbeziehung zu Gott spielt traditionell in der christlichen Ikonographie eine herausragende Rolle. Der Pietismus bediente sich dieser Bilder der Herzensfrömmigkeit im Kontext von Bekehrung und Wiedergeburt. Gebets- und Predigtliteratur, aber auch die darin enthaltenen Kupferstiche sollten sowohl Emotionen ausdrücken als auch bei den Betrachtenden auslösen. Das belegen beispielsweise eindrucksvoll zahlreiche Kupferstiche in Johanna Eleonora Petersens Hertzens-Gespräch mit Gott (1694). Das bildlich dargestellte Herz repräsentiert in der Regel das menschliche Herz und hält sich dabei an Darstellungstraditionen der Emblematik: Es kann etwas in seinem Inneren offenbaren oder durch hinzugefügte Attribute wie beispielsweise Flamme, Auge oder Kreuz etwas über seinen Zustand verraten. Mit Flügeln ausgestattet symbolisiert das Herz die menschliche Seele. Ein Herz mit eingeschriebenem Kreuz wiederum kann auch ein Symbol für den Glauben (an Jesus Christus) sein.
Der hier gezeigte Kupferstich ist dem ersten Buch, dem Liber Scripturae, in Johann Arndts (1555–1621) Bücher[n] Vom Wahren Christenthum vorangestellt. Es ist eins von insgesamt fünf allegorischen Darstellungen, die in der hier vorliegenden Leipziger Ausgabe von 1696 eingeführt, je einem Buch des Werks vorangestellt und damit zum festen Bestandteil der nachfolgenden Drucke wurden. Während die beiden dargestellten Frauengestalten für die menschliche Seele, die Anima humana, stehen, repräsentieren die Herzen, die sie auf der Brust tragen, das menschliche Herz, das sein Inneres (das Böse und das Gute) offenbart. Aus den beigefügten Textbestandteilen geht hervor, dass das Böse (im linken Herz dargestellt durch den gefallenen Adam) nur durch die tägliche Buße überwunden werden kann. Erst dadurch wird das Herz frei für Jesus Christus und den wahren Glauben.
Johann Jakob Schütz‘ (1640–1690) Christliches Gedenck=Büchlein/ Zu Beförderung eines angefangenen neuen Lebens kann als eine Art Leitfaden für die »GOTT=suchende Seele« verstanden werden, der in drei Schritten den »Weg zur Seligkeit« erläutert. Auf den Frontispizen der vorliegenden Ausgaben von 1691 und 1711 wird der darin beschriebene Bekehrungsprozess, bei dem neben der Seele und dem Körper vor allem das Herz eine wichtige Rolle spielt, eindrucksvoll visualisiert. Im Zentrum des Kupferstichs steht eine junge Frau, die Gott um ein neues, reines Herz bittet. Nur mit einem solchen, weltlichen Dingen entsagenden Herz, kann der wahre Glauben erlangt werden. Dieser wird im Frontispiz von 1691 durch sieben Herzen mit eingeschriebenem Kreuz symbolisiert, die auf den am Boden ausgebreiteten weltlichen Gegenständen stehen und so das einstige Interesse der jungen Frau an diesen »überlagert« oder »überschreibt«.
Johanna Eleonora Petersens (1644–1724) Gespräche des Herzens mit Gott ist ein zweiteiliges Erbauungsbuch, das im ersten Teil 50 Gebetsmeditationen enthält, die als persönliche Zwiegespräche mit Gott konzipiert sind. Diese beziehen sich auf ausgewählte Bibelverse, vordergründig aus den Bußpsalmen und dem Hohen Lied, die Petersen aus Hermann Hugos (1588–1629) Pia Desideria übernommen hat. In der zweiten Ausgabe von Petersens Werk von 1694 werden darüber hinaus auch die bei Hugo mit den Bibelversen in Zusammenhang stehenden Kupferstiche übernommen, die dort zusammen mit dem Bibelvers und der Gebetsmeditation eine Einheit bilden.
Der hier präsentierte Kupferstich zeigt die menschliche Seele in Gestalt einer jungen Frau, die sich im Zwiegespräch mit Gott befindet. Der Kupferstich bildet den Ausgangspunkt für die »Hertzens-Gespräche«, seine Position vor der ersten Gebetsmeditation ist deshalb nicht zufällig gewählt. Die Seele schaut auf Richtung Himmel und sucht (Blick-)Kontakt mit Gott. Interessant ist hierbei die Darstellungsweise Gottes, dessen allsehendes Auge und dessen Ohren nicht, der Vorlage in Hermann Hugos Pia Desideria folgend, in einer Wolke, sondern in einem Herzen dargestellt sind. Dies hat Einfluss auf die Deutung der Szene: Anders als in der Vorlage liegt der Fokus nicht auf der Gewissheit vor Gott, sondern auf dem Herzen, in dem diese empfunden wird.
Das Frontispiz in Johann Anastasius Freylinghausens (1670–1739) Predigten über die Sonn- und Fest-Tages-Episteln ist das einzige Bildbeispiel mit Herzsymbolik, das aus der Literatur des hallischen Pietismus bekannt ist. Zu sehen sind zum einen sieben geflügelte und entflammte Herzen mit je einem geöffneten, geradeaus blickenden Auge. Jedem dieser Herzen wird durch ein Spruchband ein Name zugewiesen, wodurch diese als die Herzen bedeutender Männer aus dem Alten und dem Neuen Testament identifiziert werden können. Sie sind Übermittler des Gotteswortes, was ihre Position im Kupferstich zwischen Gott am oberen Bildrand und den Christen, dargestellt durch weitere sieben Herzen mit eingeschriebenem Kreuz am unteren Bildrand, erklärt.